Ihr wünscht euch ein Kind. Schon lange begleitet euch dieser Wunsch – vielleicht geprägt von Hoffnung und Enttäuschung. Hinter euch liegen zahlreiche Gedanken, Gespräche, Veränderungen. Du hast deine Ernährung umgestellt, deinen Lebensstil geändert, medizinische Hilfe in Anspruch genommen – vielleicht bereits mehrere Behandlungen hinter dir. Und doch bleibt die Schwangerschaft aus. Immer wieder taucht dieselbe quälende Frage auf: Was mache ich falsch? Was stimmt nicht mit mir und meinem Körper?
In solchen Momenten richtet sich der Blick viel zu oft allein auf die Frau. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. In rund 30 % der Fälle liegt es am Mann, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt[1]. Und nicht nur das: Seine Gesundheit und sein Lebensstil können die Entwicklung eures Kindes beeinflussen – und das schon lange vor der Zeugung.
Epigenetik: Wenn der Lebensstil Spuren hinterlässt
Wie fruchtbar dein Partner ist, hängt von der Anzahl und Qualität seiner Spermien ab. Das hat einen Einfluss darauf, ob du schwanger wirst und wie stabil sich die Schwangerschaft entwickelt.
Was viele nicht wissen: Auch der Vater prägt das Kind von Anfang an epigenetisch mit. Das heißt: Über seine Spermien gibt er Informationen weiter, die durch seine Gesundheit und seinen Lebensstil beeinflusst sind.
Raucht er, trinkt er regelmäßig Alkohol, ist übergewichtig oder hat gesundheitliche Probleme? Dann kann das epigenetische Veränderungen auslösen, die sich negativ auf euer Baby auswirken können[2].
Einfluss von Übergewicht und Ernährung
Was dein Partner isst - und wie viel er wiegt - spielt eine größere Rolle, als ihr vielleicht denkt. Starkes Übergewicht (BMI über 30) und eine Ernährung mit viel Zucker, Fertigprodukten und gesättigten Fetten können die Spermienqualität deutlich senken[2,3]. Experten schätzen, dass das Risiko für Unfruchtbarkeit pro 9 kg Übergewicht um rund 10 % steigt[4].
Studien zufolge kann Übergewicht auch epigenetisch vererbt werden: Kinder übergewichtiger Väter haben demnach ein erhöhtes Risiko für Gewichtsprobleme und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und Adipositas – unabhängig vom Gewicht oder Lebensstil der Mutter[2,5].
Metabolisches Syndrom: Erhöhtes Risiko für Fehlgeburten
Kritisch ist es, wenn dein Partner nicht nur übergewichtig ist, sondern z.B. auch an Bluthochdruck, Diabetes oder hohen Cholesterinwerten leidet – dem so genannten metabolischen Syndrom.
Eine US-Studie zeigt: Je mehr dieser Faktoren gleichzeitig auftreten, desto höher ist das Risiko für Eileiterschwangerschaften, Fehl- oder Totgeburten[6].
Woran das liegt? Forscher vermuten, dass der schlechte Gesundheitszustand des Vaters die Plazenta-Entwicklung stören kann – und damit die Versorgung des Babys, was das Risiko für eine Fehlgeburt erhöht.
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Alkohol? Am besten ganz ohne
Dass du als Frau auf Alkohol verzichten solltest, ist bekannt. Aber auch dein Partner sollte mitziehen.
Schon fünf Bier pro Woche können laut einer dänischen Studie die Spermienanzahl und -qualität senken*[7]. Alkohol verursacht oxidativen Stress und kann die DNA der Spermien schädigen – mit möglichen Folgen wie Fehlbildungen beim Kind[2,8].
Einer Metastudie zufolge stieg das Risiko für Herzfehler beim Baby um 44 %, wenn Männer in den drei Monaten vor der Empfängnis regelmäßig tranken[9].
Zudem deuten Studien darauf hin, dass der Alkoholkonsum des Vaters zu Entwicklungs- und Verhaltensstörungen beim Kind führen kann – also Schädigungen, die denen des fetalen Alkoholsyndroms (FAS) ähneln, das durch Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft entsteht[10].
Rauchen: Gift für Spermien – und das Baby
Raucht dein Partner und denkt vielleicht: Ein paar Zigaretten am Tag schaden doch nicht – vor allem, wenn du selbst nicht rauchst? Dann liegt er falsch.
Schon gelegentliches Rauchen kann die Spermienqualität verschlechtern. Je mehr er raucht, desto stärker leidet sie. Studien zeigen außerdem, dass Rauchen die DNA schädigen kann, was das Risiko für Fehlgeburten, Fehlbildungen, oder Krankheiten wie Leukämie und Asthma beim Kind erhöht[2,11].
Und auch du als Frau bist betroffen: Passivrauchen kann deine eigene Fruchtbarkeit senken – selbst wenn du nie zur Zigarette greifst.
Spermiogramm: Ein erster, wichtiger Schritt
Ihr wollt wissen, wie fruchtbar dein Partner ist? Dann gibt ein Spermiogramm erste Hinweise. Es misst u.a. die Anzahl, Konzentration und Beweglichkeit der Spermien. Doch das Ergebnis ist nur eine Momentaufnahme. Es kann durch viele Faktoren, wie Ernährung oder Stress beeinflusst werden. Bei Auffälligkeiten ist in jedem Fall ein weiterer Test sinnvoll.
Wichtig zu wissen: Auch ein unauffälliges Spermiogramm schließt Risiken nicht aus. Selbst bei „guten“ Werten kann die DNA der Spermien geschädigt sein – und epigenetische Veränderungen an euer Baby weitergegeben werden.
Was dein Partner tun kann
Die gute Nachricht: Spermien erneuern sich alle 70-74 Tage. Dein Partner kann also aktiv etwas tun, um seine Fruchtbarkeit zu verbessern:
Experten empfehlen:
- Eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit wenig Zucker und viel frischem Gemüse
- Ausreichend Vitamine: Am besten, von einem Arzt beraten lassen
- Gewicht normalisieren – ein BMI zwischen 20 und 25 gilt als optimal
- Rauchstopp – mindestens 3 – 6 Monate vor der Zeugung
- Alkoholkonsum – stark reduzieren oder ganz einschränken, mindestens 3-6 Monate vor der Zeugung
- Regelmäßiger Schlaf und Stressabbau
- Bewegung – Ausdauer- und Krafttraining helfen dem Hormonhaushalt
Gemeinsam und gesund auf dem Kinderwunsch-Weg
Ein unerfüllter Kinderwunsch ist oft eine lange und belastende Reise. Voller Zweifel, Ängste und Fragen – vor allem, wenn du das Gefühl hast, allein daran schuld zu sein. Aber das bist du nicht. Und du bist nicht allein. Es ist eure gemeinsame Reise. Auch dein Partner trägt Verantwortung – mit seiner Gesundheit, seinem Körper und seinem Lebensstil.
Wenn ihr diese Reise bewusst gemeinsam geht, kann das ein Stück der Last von deinen Schultern nehmen. Und: eine gute Basis für das sein, was ihr euch so sehr wünscht: ein gesundes Baby.
* Die Forschung zu männlicher Gesundheit und Kinderwunsch steckt noch in den Anfängen. Erste Studien zeigen wichtige Zusammenhänge, doch viele Fragen sind noch offen. Dieser Artikel gibt einen Überblick des aktuellen Stands und ersetzt keine medizinische Beratung.[MOU1] [Ga2]
[1] Unerfüllter Kinderwunsch
[2] Paternal preconception modifiable risk factors for adverse pregnancy and offspring outcomes: a review of contemporary evidence from observational studies | BMC Public Health | Full Text
[3] The relationship between diet, energy balance and fertility in men | International Journal for Vitamin and Nutrition Research
[4] Obesity in Men Linked to Infertility | National Institutes of Health (NIH)
[5] Obese fathers lead to an altered metabolism and obesity in their children in adulthood: review of experimental and human studies - PubMed
[6] Association between preconception paternal health and pregnancy loss in the USA: an analysis of US claims data - PubMed
[7] Habitual alcohol consumption associated with reduced semen quality and changes in reproductive hormones; a cross-sectional study among 1221 young Danish men - PubMed
* die dänische Studie wurde in der Wissenschaft diskutiert – weil sie nur den Alkoholkonsum betrachtete und andere Faktoren wie Ernährung oder Stress nicht vollständig ausschließen konnte.
[8] Proinflammatory signaling regulates voluntary alcohol intake and stress-induced consumption after exposure to social defeat stress in mice - PubMed
[9] Parental alcohol consumption and the risk of congenital heart diseases in offspring: An updated systematic review and meta-analysis - PubMed
[10] Preconceptional paternal alcohol consumption and the risk of child behavioral problems: a prospective cohort study | Scientific Reports
[11] Exposure to paternal tobacco smoking increased child hospitalization for lower respiratory infections but not for other diseases in Vietnam | Scientific Reports