Was die Wissenschaft wirklich über Eizellen, Spermien und das Alter weiß
In den sozialen Medien kursieren derzeit viele Videos, in denen behauptet wird, dass Eizellen gar nicht altern oder dass nur das Alter des Mannes für die Fruchtbarkeit eine Rolle spielt. Solche Aussagen klingen tröstlich, vor allem für Frauen mit Kinderwunsch. Aber sie greifen zu kurz. Die Forschung zeigt ein sehr viel differenzierteres Bild.
Was die neue Studie wirklich zeigt
Eine aktuelle Studie, die im August 2025 in Science Advances veröffentlicht wurde, hat untersucht, ob sich die mitochondriale DANN, also das kleine Erbgut in den „Kraftwerken“ der Zellen, in Eizellen mit zunehmendem Alter verändert (Froberg et al., Science Advances, 2025)
Die Mitochondrien liefern der Eizelle die Energie, die sie für ihre Reifung, die Befruchtung und die ersten Zellteilungen nach der Befruchtung braucht. Ihre DNA, die sogenannte mtDNA, enthält nur wenige Gene, die aber entscheidend für die Energieproduktion sind.
Das Ergebnis der Studie ist überraschend positiv: Zwischen 20 und 42 Jahren fanden die Forschenden keinen Anstieg von Mutationen in der mtDNA der Eizellen. Das bedeutet, dass die mitochondriale DNA in diesem Altersbereich stabil bleibt. Die Energieversorgung der Eizellen scheint also auch bei älteren Frauen grundsätzlich erhalten zu bleiben.
Warum das nicht heißt, dass Alter keine Rolle spielt
Diese Erkenntnis bedeutet allerdings nicht, dass das Alter der Frau für die Fruchtbarkeit unwichtig wäre. Denn die Studie bezieht sich nur auf die mtDNA, nicht auf die nukleare DNA im Zellkern, also das eigentliche Erbgut mit den 23 Chromosomenpaaren.
In diesem Teil der DNA, der sogenannten nDNA, zeigen sich sehr wohl deutliche Altersveränderungen. Mit zunehmendem Alter kommt es häufiger zu Fehlern bei der Chromosomenverteilung, sogenannten meiotischen Fehlern. Diese führen dazu, dass Eizellen zu viele oder zu wenige Chromosomen enthalten, was als Aneuploidie bezeichnet wird.
Solche Fehler sind die häufigste Ursache für Fehlgeburten, genetische Auffälligkeiten oder dafür, dass eine Schwangerschaft gar nicht erst entsteht. Mehrere große Studien, etwa von Gruhn et al. (Nature Genetics, 2019und Chiang et al. PNAS, 2010), belegen diesen Zusammenhang eindeutig.
Das biologische Alter der Frau bleibt also weiterhin ein Schlüsselfaktor für eine gesunde Schwangerschaft. Nicht, weil die Mitochondrien „kaputt gehen“, sondern weil die Chromosomen in der Eizelle mit den Jahren anfälliger für Fehler werden.
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Und was ist mit dem Mann?
Auch beim Mann verändert sich die Qualität der Spermien mit dem Alter, wenn auch langsamer als bei der Frau. Meta-Analysen zeigen, dass mit zunehmendem Alter die Beweglichkeit und Form der Spermien leicht abnimmt und gleichzeitig der Anteil an DNA-Schäden zunimmt. Männer über 50 Jahre haben zum Beispiel ein deutlich höheres Risiko für Spermien mit fragmentierter DNA als Männer unter 30 (Belloc et al., 2020).
Doch das Alter allein erklärt nicht alles. Eine große Studie von Renson et al. (Human Reproduction, 2025) zeigt, dass Lebensstilfaktoren einen ebenso wichtigen Einfluss haben. Untersucht wurden über 4000 Männer, und das Ergebnis ist eindeutig: Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel und hoher Alkoholkonsum verschlechtern die Spermienqualität deutlich. Wenn diese Faktoren mit höherem Alter zusammentreffen, wirken sie sich besonders stark aus – etwa durch geringere Spermienkonzentration und eingeschränkte Beweglichkeit.
Damit wird klar: Das Alter beeinflusst die Spermienqualität, aber der Lebensstil kann die Unterschiede entweder abmildern oder verstärken. Ein gesunder Lebensstil kann also die biologische Alterung der Spermien nicht komplett aufhalten, sie aber spürbar verlangsamen.
Was bedeutet das für Paare mit Kinderwunsch?
Das Alter lässt sich nicht aufhalten – aber sein Einfluss lässt sich verstehen. Bei Frauen bleibt die Energieversorgung der Eizellen durch stabile mtDNA erhalten, doch die Chromosomenverteilung wird fehleranfälliger. Beim Mann ist das Alter zwar ein Faktor, doch ein gesunder Lebensstil kann die Qualität der Spermien deutlich verbessern oder erhalten.
Das heißt: Alter ist nicht alles. Für beide Partner gilt, dass Ernährung, Bewegung, ausreichend Schlaf, der Verzicht auf Rauchen und Alkohol sowie der bewusste Umgang mit Stress viel bewirken können.
Faktencheck: Mythen vs. Realität
Mythos 1: Eizellen altern nicht.
Realität: Die mitochondriale DNA bleibt stabil, aber die Chromosomenverteilung wird mit zunehmendem Alter fehleranfälliger.
Mythos 2: Nur das Alter des Mannes beeinflusst die Fruchtbarkeit.
Realität: Beide Geschlechter sind betroffen: bei Frauen durch Veränderungen der Chromosomen, bei Männern durch Alter und Lebensstil.
Mythos 3: Ein gesunder Lebensstil kann das Alter ausgleichen.
Realität: Ein gesunder Lebensstil unterstützt die Zellgesundheit, kann das biologische Altern aber nicht vollständig kompensieren.
Fazit
Eizellen altern also nicht im Sinne ihrer Energieversorgung, aber sie altern genetisch. Und auch Spermien verändern sich im Laufe der Zeit. Das ist kein Grund zur Angst, sondern zur Aufklärung.
Je besser Paare verstehen, wie Alter und Lebensstil zusammenwirken, desto bewusster können sie mit ihrem Kinderwunsch umgehen. Und genau das ist es, was wir bei Fertilitips möchten: Wissenschaft verständlich machen. Ohne Mythen, aber mit Hoffnung und Klarheit.
Quellen:
Froberg, J., et al. (2025). Age-related stability of mitochondrial DNA in human oocytes. Science Advances, 11(8). https://doi.org/10.1126/sciadv.adw4954
Gruhn, J. R., et al. (2019). Chromosome errors in human eggs shape natural fertility over the reproductive life span. Science, 365(6460), 1466–1469. https://doi.org/10.1126/science.aav7321
Chiang, T., Schultz, R. M., & Lampson, M. A. (2012). Meiotic origins of maternal age-related aneuploidy. Biology of Reproduction, 86(1), 3, 1–7. https://doi.org/10.1095/biolreprod.111.094367
Belloc, S., et al. (2020). Effect of age on sperm parameters: A systematic review and meta-analysis. Basic and Clinical Andrology, 30(1), 1–15. PMCID: PMC6993171
Renson, A., et al. (2025). Combined effects of age and lifestyle on sperm quality: A large population-based study. Human Reproduction, 40(3), 456–468. https://doi.org/10.1093/humrep/deae008