Ibuprofen bei Kinderwunsch: Ein unhinterfragtes Medikament mit großer Wirkung?

Eine asiatisch gelesene Frau mit Brille sitzt auf einer Couch und hält in der einen Hand eine Medikamentenpackung und in der anderen den Beipackzettel. Sie liest sich den Zettel konzentriert durch.
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Ibuprofen 400 mg Filmtabletten darf nicht eingenommen werden, wenn…

Der Beipackzettel von Ibuprofen ist lang und detailliert. Unter anderem wird von einer Einnahme im letzten Drittel der Schwangerschaft abgeraten. Doch Hand aufs Herz: Die meisten von uns lesen die ganze Liste kaum oder gar nicht. Schließlich wird uns die Ärztin, der Arzt oder das Apothekenpersonal schon wichtige Hinweise geben, oder?

Aber wie sieht es mit Medikamenten wie Ibuprofen aus, die wir häufig „einfach so“ und recht unhinterfragt einnehmen? Gerade bei Kinderwunsch lohnt sich ein genauerer Blick.

Fruchtbarkeit im Fokus: Was der Beipackzettel sagt

In vielen Artikeln wird über die Einnahme von Ibuprofen während der Schwangerschaft, insbesondere im Hinblick auf mögliche Langzeitfolgen diskutiert. Doch was ist mit der Einnahme vor einer Schwangerschaft, also in der Kinderwunschphase?

Wer den Beipackzettel aufmerksam liest, stößt auf den Abschnitt „Fortpflanzungsfähigkeit“:

Ibuprofen 400 mg Filmtabletten gehört zu einer Gruppe von Arzneimitteln (nichtsteroidale Antirheumatika), die die Fruchtbarkeit von Frauen beeinträchtigen können. Diese Wirkung ist nach Absetzen des Arzneimittels reversibel (umkehrbar)“

Dieser Hinweis ist keine Randnotiz, denn auch andere Quellen deuten darauf hin, dass Ibuprofen die Fruchtbarkeit beeinflussen kann, und zwar sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Auch wenn bisher wenig eindeutigen Studien vorliegen, lohnt sich ein Blick auf die Hintergründe.

Was macht Ibuprofen im Körper?

Ibuprofen gehört zur Gruppe der nichtsteroidalen Entzündungshemmer (NSAR) und hemmt die Enzyme Cyclooxygenase-1 und -2. Dadurch wird die Bildung der sog. Prostaglandinen verringert, bei denen es sich um Botenstoffe handelt, die unter anderem für Schmerzen, Entzündungen und Fieber verantwortlich sind.

Doch Prostaglandine spielen auch eine zentrale Rolle im weiblichen Zyklus:
Sie sind an der Reifung der Eizelle, dem Eisprung sowie der Einnistung des Embryos in die Gebärmutterschleimhaut beteiligt.[1]Genau hier setzen die Bedenken an: Wenn Prostaglandine unterdrückt werden, kann das möglicherweise die weibliche Fruchtbarkeit beeinträchtigen?

Studien: Eisprung und Eierstockreserve im Fokus

Tatsächlich weisen mehrere Studien darauf hin, dass NSAR wie Ibuprofen den Eisprung hemmen können. Die sogenannte Follikelruptur, also das Platzen des Eibläschens, kann verzögert oder sogar ganz ausbleiben („Luteinized Unruptured Follicle (LUF) Syndrom“). Besonders kritisch könnte daher die Einnahme rund um den Eisprung sein, wenn ein Kinderwunsch besteht.[2]

Einige Studien sehen außerdem einen Zusammenhang zwischen einer längerfristigen Einnahme von NSAR und einer reduzierten ovariellen Reserve, also einem potenziellen Rückgang der verfügbaren Eizellen. Hinweise, die wir im Blick behalten sollten.[3]

 

Es ist ein Kalender zu erkennen, wo der 15. in pink umkreist und zurätzlich eine pinke Heftzwecke in das passende Feld gepinnt wurde. Zusätzlich steht in dem Feld das Wort Ovulation.
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 Ibuprofen und die männliche Fruchtbarkeit

Auch bei Männern gibt es interessante Befunde. Eine 2017/2018 in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlichte Studie zeigt, dass Ibuprofen bei männlichen Probanden das Risiko für einen sogenannten „kompensierten Hypogonadismus“ erhöhen kann. Dabei handelt es sich um eine Form der Hodenunterfunktion: Zwar liegt ein Testosteronmangel vor, dieser wird aber zunächst durch vermehrte Ausschüttung des luteinisierenden Hormons (LH) ausgeglichen. Diese hormonellen Verschiebungen können sich negativ auf die männliche Fruchtbarkeit auswirken.[4] Zwar wurden die Effekte in späteren Studien vermehrt in Tierversuchen nachgewiesen, doch trotzdem gilt: Ein bewusster Umgang mit Schmerzmitteln ist ratsam.

Hinsehen statt abwarten: Schmerzmittel achtsam einsetzen

Aktuell gibt es also zwar leider wenige oder keine eindeutigen Beweise, aber immerhin deutliche Hinweise, dass Ibuprofen die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern beeinträchtigen kann. Es lohnt sich demnach vor allem in sensiblen Phasen wie der Kinderwunschzeit die Einnahme zu überdenken.

Sprich am besten mit deinem Arzt oder deiner Ärztin über mögliche Alternativen. Wo es möglich ist, kann etwa Paracetamol eine bessere Wahl sein, denn hier sind bislang zumindest bei einer Kurzzeiteinnahme mit normalen Dosen keine negativen Einflüsse auf die weibliche und männliche Fruchtbarkeit bekannt.

 

Quellen:

  1. https://staudeverlag.de/prostaglandine-sind-chamaeleons/
    https://www.spektrum.de/news/fett-fuer-fertilitaet/778638
  2. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38954900/#:~:text=Results%3A%20%20A%20total%20of,were%20retrieved%20in%2020%20women

    https://clinandmedimages.org/wp-content/uploads/2021/05/JCMI-v5-1434.pdf

  3. https://clinandmedimages.org/wp-content/uploads/2021/05/JCMI-v5-1434.pdf
  4. https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.1715035115