Frau Dr. Wagner, Sie können Patient:innen besonders ganzheitlich begleiten, weil sie eine klassische schulmedizinische Ausbildung haben und zusätzlich auf Methoden wie Akupunktur und insgesamt die Traditionelle Chinesische Medizin setzen. Wie kam es dazu?
Ich bin schulmedizinisch als Augenärztin ausgebildet und habe bei meiner Arbeit immer wieder festgestellt, wie sehr mich die fächerübergreifenden und interdisziplinären Themen faszinieren. So tauchte ich tiefer ein und lernte, dass die Netzwerke und Funktionskreise des Körpers zusammengehören und die Lösungen immer interdisziplinär und ganzheitlich zu betrachten sind.
Die Schulmedizin bietet in Teilen interdisziplinäre Ansätze,...
...aber wenn man sich für die Ursachen und Wurzeln eines Problems interessiert und nicht nur die Symptome behandeln will, dann landet man schnell bei der Traditionellen Chinesischen Medizin.
So bildete ich mich hier umfassend weiter – und auch wenn meine Patient:innen das vielleicht nicht immer merken: Ich denke automatisch in den Funktionskreisen und suche nach ganzheitlichen Behandlungsansätzen. So auch bei Frauen mit Kinderwunsch.
Eine Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die Akupunktur, über die wir bereits in einem Interview gesprochen haben. Welche Aspekte beinhaltet TCM noch und wie können diese auf der Kinderwunschreise unterstützen?
Ein weiterer großer Bereich ist die Pflanzentherapie, die wir gezielt einsetzen können, um Patientinnen aufzubauen und zu stärken oder um Zustände zu behandeln, die nicht im Lot sind. Hier steckt sehr viel Potenzial und ich kann immer wieder tolle Erfolge beobachten – zum Beispiel, wenn wir von pathogenen Faktoren wie Schleim oder Kälte sprechen, die den Körper aus dem Gleichgewicht bringen. Bei einem ausführlichen Erstgespräch finde ich heraus, was bei einem Patienten oder einer Patientin vorliegt und was sie oder ihn weiterbringen kann.
Wie erkennen Sie das?
Ich schaue mir zunächst die schulmedizinischen Befunde an, die Frauen auf Kinderwunschreise in der Regel bereits vorliegen haben. Außerdem habe immer ein sehr ausführliches Erstgespräch mit meinen Patient:innen, in dem ich viele Fragen stelle, zum Beispiel geht es um den Zyklus, um die Ernährung, um die Verdauung oder um individuelle körperliche Beschwerden. Außerdem ist das Tasten des Pulses und die Betrachtung der Zunge ein wesentlicher Bestandteil der Anamnese. Es geht in der TCM viel um das Lesen des Körpers.
Was kann Ihnen ein Blick auf die Zunge verraten?
Die Zunge hat Mikrozonen für die einzelnen Organe und sie zeigt uns, ob Kälte oder Hitze im Körper ist, und an welchen Stellen das der Fall ist.
Beispielsweise kann Kälte in der Gebärmutter für die Erfüllung eines Kinderwunschs hinderlich sein und an der Zunge kann ich erkennen, ob das auf eine Patientin zutrifft. Mit Hilfe der TCM kann ich an der Zunge auch ablesen, ob es Blockaden in bestimmten Regionen des Körpers oder in einzelnen Organen gibt. So verrät die Zunge viel über den Zustand der Gebärmutter, wenn eine gut ausgebildete Person darauf schaut.
Und was hat es mit dem Tasten des Pulses auf sich?
Es gibt verschiedene Tastpositionen, die Aufschluss darüber geben, ob Fülle oder Leere im Körper herrscht – hier lese ich viel über Erschöpfungszustände ab. Ich spüre, ob der Puls eher beschleunigt ist, ob er eher hart oder weich in der jeweiligen Position ist. Daraus kann ich Rückschlüsse ziehen, welcher Behandlungsansatz für die Person sinnvoll ist.
Nehmen wir an, Sie stellen bei einer Frau mit Kinderwunsch Erschöpfung fest. Wie gehen Sie dann vor?
Für viele Frauen ist eine Pflanzentherapie geeignet. Die individuelle Mischung ist in der Regel aus mehreren Pflanzen zusammengestellt, die sich in einer stimmigen Rezeptur wiederfinden. Es gibt Pflanzen, die eine Hauptwirkung haben und andere, die die Mischung abrunden. So stelle zum Beispiel Pflanzenkombinationen zusammen, die kühlen oder wärmen können.
Wenn ich feststelle, dass bei einer Frau Kälte in der Gebärmutter ist, dann hilft eine wärmende Pflanzentherapie. Die Pflanzenmischung kann man als Tee nehmen, es gibt sie auch als Granulat, aus dem man selbst Tee herstellt, als Pflanzentabletten oder als Tropfen.
Welche Ansatzpunkte bietet die TCM über die Pflanzentherapie hinaus? Über Akupunktur haben Sie uns in einem anderen Interview bereits viel Spannendes verraten – welche Behandlungsmöglichkeiten haben Sie noch?
Die Ernährung spielt ebenfalls eine große Rolle, hier ist ebenfalls sehr individuell, was welcher Patientin helfen kann.
Wenn jemand viel Schleim hat – was ich in der Anamnese herausfinde – dann sollte die Person zum Beispiel Bananen weglassen. Bei Kälte sollte man sich möglichst warm ernähren. Für all diese Ansätze gibt es sehr schöne Ernährungstabellen nach den fünf Elementen. Diese zeigen genau, welche Lebensmittel einen Funktionskreis stärken können oder welche Wärme in den Körper bringen.
Wichtig ist mir, dass es dabei in der Regel nicht um das Weglassen und um Verzicht geht, sondern um eine positive Auswahl von Lebensmitteln, die einer Person gut tun. Und oft sind es welche, die sie intuitiv ohnehin gern isst. Die Fünf-Elemente-Ernährung ist in meinen Augen ein sehr sinnvoller Ansatz, den sich alle Menschen einmal anschauen können, unabhängig von einem Kinderwunsch. Man muss das nicht allzu dogmatisch sehen, aber ich bin überzeugt, dass die passende Ernährung uns allen helfen kann, gestärkt und in Balance durchs Leben zu gehen.
In welcher Phase der Kinderwunschreise macht es denn Sinn, auf Unterstützung durch TCM zu setzen?
Oft kommen Frauen zu mir, wenn sie schon eine Weile versuchen, schwanger zu werden. Dann versuche ich, eine Ursache herauszufinden und stimme die Behandlung auf sie ab.
Falls es noch nötig sein sollte, in eine hormonelle Kinderwunsch-Therapie zu gehen, begleite ich die Frauen in den ersten zwei Wochen mindestens einmal in der Woche mit Akupunktur-Sitzungen. Sobald ein Transfer stattgefunden hat, beende ich meine Begleitung und pausiere bis zur Geburtsvorbereitung ab der 36. Schwangerschaftswoche.
Und sobald in der Schwangerschaft Symptome wie Schwangerschaftsübelkeit, Rückenschmerzen oder Wassereinlagerungen auftreten, kann die TCM auch helfen. Es ist natürlich sehr schön, wenn ich Frauen zu Beginn bei einem noch nicht erfüllten Kinderwunsch begleite – und sie dann später wiedertreffe, wenn sie mit den Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft zu mir kommen.