Es gibt so viele Ansätze und Behandlungsmöglichkeiten, die du auf deiner Kinderwunschreise für dich nutzen kannst – dazu zählt auch Akupunktur. Wie dich das gezielte Setzen von Nadeln ganzheitlich stärken kann, wie die Behandlung abläuft und wie viel Zeit du dafür einplanen solltest: Das erklärt Dr. Astrid Wagner im Interview. Sie hat eine Praxis für Akupunktur, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Ernährungsmedizin in München, in der sie viele Frauen mit Kinderwunsch begleitet.
Beginnen wir mit einer Erklärung: Falls jemand Akupunktur noch nicht kennt, wie funktioniert diese Behandlungsmethode?
Die Akupunktur ist eine nebenwirkungsarme Behandlungsmethode, die seit mehr als 3000 Jahren erfolgreich angewendet wird.
Die Frauenheilkunde oder auch Gynäkologie ist seitdem ein Schwerpunkt der Behandlung in der chinesischen Medizin, allerdings haben sich durch die westliche Medizin erfreulicherweise neue Wege geöffnet.
Wir erkennen und verstehen heutzutage gynäkologischen Erkrankungen wie Endometriose oder das sogenannte polyzystisches Ovar oder die Ursachen eines Kinderwunsches mit Hilfe von Untersuchungsmethoden wie dem Ultraschall oder Laborwerten besser.
Aber wie können wir sanft helfen, wenn Hormontherapien nicht das Ziel erreichen, wenn die Patientin keine Hormone einnehmen oder keine invasive Therapie möchte? Wenn wir ein Kinderwunschtherapie optimal vorbereiten wollen? Dann kann die Akupunktur eine sanfte und effektive Therapie sein. Bei der Akupunktur behandeln wir den Körper nicht nur symptombezogen, sondern auch ursächlich. Dadurch ergeben sich Lösungsmöglichkeiten, die die Schulmedizin nicht hat.
Bei der Akupunktur denken wir in sogenannten Funktionskreisen und Leitbahnen. Die Leitbahnen durchziehen den Körper wie ein Netzwerk. Wir haben über die Akupunkturpunkte auf den Leitbahnen die Möglichkeit, den Zustand des Menschen zu verbessern: Wir können Energie im Körper bewegen, den Körper aufbauen und ihn stärken, Blockaden auflösen und Symptome behandeln, die eine Last für den Körper darstellen. Der Körper kann sich wieder frei entfalten, was bei einem Kinderwunsch sehr hilfreich sein kann.
Sie behandeln auch Frauen mit Kinderwunsch. Wie kann Akupunktur dabei helfen und wann macht es Sinn, mit dieser Behandlung zu beginnen?
Die meisten Patientinnen kommen nach einer gewissen Zeit, in der sie einen unerfüllten Kinderwunsch haben.
Und manchmal fühlen sie, dass bei ihnen im Körper nicht alles im Lot ist, dass sie bestimmte Symptome haben, die man schulmedizinisch vielleicht benennen, aber nicht lösen kann.
Dann ist es mir im Erstgespräch wichtig zu klären, welche individuellen Themen im Vordergrund stehen. Mögliche Lösungen können in der Akupunktur und TCM liegen, ich versuche aber auch immer integrative Lösungen zu entwickeln, wenn dies sinnvoll erscheint. Wertvolle Therapieansätze sind z.B. Osteopathie, Physiotherapie, Neuroanatomie, Psychosomatik und Ernährungsmedizin.
Abhängig von der TCM-Diagnose entscheide ich dann, was der Patientin helfen kann. Gerade bei Kinderwunsch ist oft eine aufbauende und nährende Behandlung gut, die mit Pflanzentherapie oder eben mit Akupunktur durchgeführt werden kann. So können wir zum Beispiel mit Akupunktur und wärmender Moxatherapie die Durchblutung der Gebärmutterschleimhaut verbessern. Bei der Moxatherapie wird eine Körperregion direkt über eine Akupunkturnadel oder indirekt ohne Nadel erwärmt – um insgesamt mehr Wärme in der Gebärmutter zu erzeugen. Worauf ich im Detail setze, hängt von der jeweiligen Patientin ab. Manche kommen mit Endometriose, andere mit schwach aufgebauter Schleimhaut oder Periodenschmerzen, mit unregelmäßigem Zyklus oder Polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS). Auf all das können wir mit der Akupunktur positiv einwirken.
Einige Patientinnen bringen demnach bereits eine schulmedizinische Diagnose von Gynäkolog:innen mit, wenn sie zu Ihnen kommen. Wie läuft darüber hinaus Ihre eigene Diagnostik ab, bevor Sie mit der Behandlung beginnen?
Wenn Frauen mit Kinderwunsch zu mir kommen, höre ich mir immer zunächst an, was bislang an schulmedizinischen Berichten vorliegt.
Ich möchte wissen, welche Therapieformen die Patientin hinter sich hat.
Dann beginne ich mit meiner TCM-Diagnose und schaue mir an, in welchem energetischen Zustand eine Frau kommt, begutachte die Zunge und den Puls, erfrage, ob sie Wärme oder Kälte empfindet, ob sie Symptome für „Schleim“ zeigt, ob es Themen gibt, die in einer Weise den Körper blockieren. Außerdem frage ich genau nach dem Zyklusablauf und der Periode der Patientin. Das ist sehr wichtig. In der TCM teilen wir den Zyklus in vier Phasen ein, die ganz unterschiedlich unterstützt werden können. Im Anschluss untersuche ich die Patientin, taste den Bauch und den Körper ab. Ich frage nach körperlichen und psychosomatischen Störfaktoren und würde, falls nötig, an Kollegen verweisen, bei der die Patientinnen gut aufgehoben sind, um diese Themen anzugehen.
Falls herauskommt, dass eine Frau einen familiären Background mit vielen Autoimmunerkrankungen hat, würde ich den Fokus auch auf eine ernährungsmedizinische Abklärung setzen. Wenn Frauen von einem unruhigen Bauch berichten, würde ich eine ernährungsmedizinische Anamnese durchführen, um herauszufinden, ob möglicherweise der Unterbauch dauerhaft durch den Darm gestört wird. Vielleicht stelle ich auch ein orthopädisches Problem fest, wenn eine Beckenboden- oder Zwerchfellverspannung tastbar ist und damit die Durchblutung beeinträchtigt sein kann. Dann würde ich dementsprechend akupunktieren und mit Physiotherapeut:innen und Osteopathen zusammenarbeiten. Sie sehen: Die Ganzkörperuntersuchung und die ganzheitliche, interdisziplinäre Betrachtung sind sehr wichtig, um ein umfassendes Bild zu erhalten. Und genauso vielfältig wie die individuellen Beschwerden sind auch die Behandlungsansätze.
Das bedeutet also auch, dass es nicht die eine klassische Kinderwunsch-Akupunktur gibt, sondern dass Sie nach der Anamnese die Akupunktur individuell gestalten?
Es gibt klassische Kinderwunsch-Punkte, die ich eigentlich immer in die Akupunktur integriere. Doch der größte Teil ist individuell.
Es gibt beispielsweise Punkte, die ich bei Polyzystischem Ovar-Syndrom akupunktiere, andere eignen sich bei immunologischen Problemen. Wieder andere Punkte setze ich, wenn eine Frau Kälte hat bzw. die Gebärmutter besser durchblutet sein sollte, kombiniert mit einer wärmenden Moxatherapie – hier gibt es wirklich vielfältige Möglichkeiten.
Ich greife bei der Planung der Behandlung gerne auf den Erfahrungsschatz von Giovanni Macciocia zurück, einem sehr erfahrenen TCM-Arzt und Autor vieler Bücher, der das „alte“ Wissen der Chinesischen Medizin in eine für uns westliche Ärzte verständliche Sprache übersetzt hat. Seine umfangreichen Fachbücher und seine Fortbildungen in der Gynäkologie sind für mich Meilensteine der Medizin und die Basis für meiner Behandlung.
Wie genau läuft eine solche Akupunktur-Sitzung dann ab?
Die Patientinnen sind zur Akupunkturbehandlung ungefähr eine Stunde bei mir. In dieser Stunde akupunktiere ich individuell – unter Berücksichtigung der Befunde und auch der Zyklusphase.
Wie viele Nadeln ich setze, ist unterschiedlich. Für die Behandlung des Kinderwunsches allgemein benötige ich etwa zehn Punkte.
Die Nadeln verbleiben dann im Körper, um ihre Wirkung zu entfalten.
Falls ich Wärme in den Körper einbringen möchte, verwende ich sogenannte Moxastäbchen, die ich an die Akupunkturnadeln halte, um das Gewebe darunter und die damit verbunden Strukturen zu erwärmen.
Bei zusätzlichen muskulären Verspannungen lockere ich die Faszienketten, indem ich sogenannte Triggerpunkte in den Muskeln behandele. Diese Nadeln entferne ich direkt nach der Triggerpunktbehandlung, da der Effekt sofort eintritt. Auch die Ohrakupunktur und die Nadelung von Mikrosystem-Punkten sind hilfreiche Ergänzungen, die man während der Liegezeit parallel anwenden kann.
Es ist wirklich spannend, wie vielfältig die Behandlung ablaufen kann und welches Wissen Sie dazu haben. Lässt sich sagen, über welchen Zeitraum Frauen zur Akupunktur kommen sollten, um zu einer Lösung oder Linderung zu kommen?
Einige Symptome bessern sich schnell, andere benötigen aufgrund ihrer Ursachen mehr Zeit. Es kann sein, dass Frauen bereits in der Kindheit oder als Teenie angefangen haben, ein bestimmtes Muster zu entwickeln. Dann dauert es auch länger, dieses zu lösen. Wenn wir jemanden aufbauen oder nähren wollen, es beispielsweise um Frauen in Erschöpfungsphasen geht, dann sind es meist drei bis sechs Monate, die man einplanen sollte.
Tut es weh, wenn Sie die Akupunktur-Nadeln setzen?
Die Schmerzempfindlichkeit ist je nach Person sehr unterschiedlich. Ich kann darauf Rücksicht nehmen, indem ich die Nadelanzahl an die Schmerzempfindung der Patientin anpasse, hochwertige Nadeln verwende, spezielle Stichtechniken anwende, durch Massage zusätzlich das Gewebe entlaste und die Patientin beim Ausatmen akupunktiere.
Allgemein ist es so, dass man beim Akupunktieren den Punkt selbst spürt, ein kleines „De Qi“-Gefühl – für Chines:innen ist dieses Gefühl wichtig, um zu spüren, dass etwas in Gang gesetzt wird.
Das ist eine kurze Schmerzempfindung, aber danach spürt man nichts mehr. Die Nadeln wirken während der Liegezeit, ohne weh zu tun.
Gibt es außer möglicher Bedenken wegen der Schmerzen weitere Fragen, die Patient:innen am Anfang klären möchten?
Eine wichtige Frage ist häufig, wie viel Geld die Patientinnen investieren müssen und wie der Behandlungserfolg sein wird. In Deutschland ist es so, dass die Akupunkturbehandlungen von den gesetzlichen Krankenkassen nur bei tiefsitzenden Rückenschmerzen oder Knie-Arthrose bezuschusst werden – und das auch nur bei gesetzlich niedergelassenen Kassenärzt:innen, die Akupunktur anbieten. Das trifft auf mich nicht zu, weshalb meine gesetzlich versicherten Patient:innen die Behandlung selbst bezahlen. Die privaten Krankenversicherungen übernehmen üblicherweise die Akupunktur zur Schmerztherapie. Alle Preise stehen auf meiner Website.